Ein Tablet ist für ein Kind mit ADHS oder Autismus oft weit mehr als nur ein Zeitvertreib. Es ist ein externer Prozessor, ein Safe Space oder schlicht der Ort, an dem die Welt endlich nach den eigenen Regeln funktioniert. Im Januar haben wir auf unserem Instagram-Kanal einen genauen Blick auf das Thema Medien und Neurodivergenz geworfen. Denn wenn das Gehirn Informationen anders verarbeitet, verändert das den gesamten digitalen Alltag.
Ursache oder Wirkung? Der Mythos der Bildschirmzeit
Räumen wir direkt mit dem größten Vorurteil auf: Medien verursachen kein ADHS. Eine aktuelle Scoping Review aus dem Jahr 2025 bestätigt, dass es für diesen Zusammenhang keine wissenschaftlichen Belege gibt.
Die Realität ist komplexer: Neurodivergente Gehirne – insbesondere bei ADHS – reagieren extrem sensibel auf die Dopamin-Sprints der digitalen Welt. Likes, Level-Ups und endlose Feeds bieten genau die schnellen Belohnungen, nach denen das Gehirn sucht. Medien sind also nicht die Ursache der Symptomatik, sie wirken aber wie ein Verstärker für Impulsivität und Konzentrationsschwierigkeiten. Die Forschung spricht hier klar von einem Zusammenhang, nicht von einer Schuldzuweisung.
Der digitale Heimvorteil: Warum Medien oft Rettungsmittel sind
Diskutieren wir über Bildschirmzeiten, vergessen wir oft die enorme Entlastung, die digitale Räume bieten können. Für viele neurodivergente Menschen ist das Internet ein Ort mit „Heimvorteil“, und zwar aus folgenden Gründen:
- Logik statt Chaos: Während die analoge Welt oft unberechenbar ist, folgen Computer einer klaren Wenn-Dann-Logik. Das senkt das Stresslevel massiv.
- Soziales ohne Maskerade: Digitale Kommunikation erlaubt Austausch ohne den Druck von Blickkontakt oder das Deuten von komplexer Mimik. Ein echter Gamechanger für die soziale Teilhabe.
- Fokus und Regulation: Games oder Noise-Cancelling-Kopfhörer dienen oft der Selbstregulation, um eine reizüberflutete Umwelt schlichtweg „stummzuschalten“.
- Kompetenz-Erleben: In Nischenthemen zum Experten werden oder beim Coden Erfolge feiern – das kann das Selbstwertgefühl enorm stärken.
TikTok: Zwischen Community-Hype und Diagnose-Falle
Plattformen wie TikTok haben Neurodivergenz aus der Nische geholt. Endlich sehen Betroffene: „Ich bin nicht allein.“ Diese Entstigmatisierung ist ein riesiger Erfolg. Doch die Medaille hat eine Kehrseite.
Der Algorithmus serviert uns oft extrem verkürzte Inhalte, die alltägliche Marotten sofort pathologisieren. Wer in der „Selbstdiagnose-Falle“ landet, läuft Gefahr, professionelle Hilfe durch virale Tipps zu ersetzen. Social Media sollte als Impulsgeber und für das Gemeinschaftsgefühl genutzt werden – die medizinische Einordnung gehört jedoch weiterhin in die Hände von Fachleuten.
Fazit: Passgenauigkeit statt Pauschalverbote
Medienkompetenz bedeutet im Kontext von Neurodivergenz, die Brille zu wechseln. Es geht nicht darum, die Zeit am Gerät radikal zu kürzen, sondern zu verstehen, warum der Sog so stark ist. Ziel sollte es sein, Strategien zu entwickeln, die zum individuellen Kopf passen – mit Struktur, Klarheit und ohne Vorurteile.
Auf unserem Instagram-Account behandeln wir jeden Monat ausführlich ein neues spannendes Thema aus der Welt der Medienkompetenz. Schauen Sie doch mal vorbei!



